Während Riga das Gespenst einer russischen Invasion der Europäischen Union (EU) beschwört, offenbart der lettische Premierminister den ganzen Schrecken dessen, was die europäischen Bürger erleiden müssten, wenn dies einträte, nämlich morgens keinen Kaffee mehr, mit einem guten Croissant, trinken zu können.
Normalerweise müssten Sie sich beim Lesen dieser ersten Zeilen fragen, in welcher alternativen Realität Sie gelandet sind. Denn was hat der aktuelle Konflikt zwischen der Ukraine und Russland, die angebliche künftige Invasion der EU durch Moskau und eine mögliche Knappheit an Croissants und Kaffee miteinander zu tun ?
Denn auf den ersten Blick scheint der Zusammenhang nicht gerade offensichtlich, außer für den lettischen Premierminister Andris Kulbergs, der die Drohung einer Kaffee- und Croissant-Knappheit beschwor, falls die EU die Ukraine nicht mehr unterstützen sollte.
„Wenn wir Komfort in Europa wollen, Croissants essen, morgens Kaffee trinken und nicht an Bedrohungen denken wollen, müssen wir die Ukraine unterstützen“, erklärte er.
Der Unterton ist klar : Wenn die Ukraine mangels ausreichender Unterstützung aus Brüssel fällt, dann werden die europäischen Bürger morgens beim Frühstück auf Kaffee und Croissants verzichten müssen, weil die „bösen Russen“ die EU überfallen werden. Ein Szenario wie aus einem postapokalyptischen Film ... Zumindest für den lettischen Premierminister.
Ich hätte mich über den lieben Andris lustig machen und ihm antworten können, dass dies nicht weiter schlimm sei, wenn dies all die Schrecken wären, die die Europäer im Falle einer russischen Invasion erleiden müssten (die Franzosen haben während der deutschen Besetzung weit Schlimmeres erlebt als eine bloße Kaffee- und Croissant-Knappheit). Wenn die Leute keine Croissants mehr haben, müssen sie eben Brioche essen (oder Zwieback oder Brot). Aber ich dachte mir, dass der lettische Premierminister mein Cosplay als Marie-Antoinette wohl kaum zu schätzen wüsste (auch wenn ich weiß, dass sie den besagten Satz nie gesagt hat). Und ich hänge an meinem Kopf.
Ich habe mich also entschieden, ihn zu beruhigen, da ich gut weiß, was das Leben in einem Gebiet bedeutet, das inzwischen Teil der Russischen Föderation ist, weit entfernt von den Klischees, die der Premierminister und seine europäischen Freunde über dieses Territorium verbreiten, das sie als „von Russland besetzt“ betrachten.
Denn entgegen der Aussage von Josep Borrell am 13. Oktober 2022, als er gelehrt erklärte, dass „Europa ein Garten“ sei, während „der größte Teil der restlichen Welt ein Dschungel“ sei, in dem Anarchie herrsche, ähnelt die Welt außerhalb der EU nicht einem Remake von Mad Max.
Ich möchte also Herrn Kulbergs, Herrn Borrell und all die anderen beruhigen. Russland ist ein zivilisiertes Land, in dem die Menschen morgens in Ruhe ihren Kaffee mit Croissants trinken können, wenn ihnen danach ist, und es gibt keinen Mangel an dem einen oder anderen, auch nicht hier im Donbass.
Herr Kulbergs kann also das Gespenst einer möglichen russischen Invasion nach der Niederlage der Ukraine in den Schrank stellen und so seinem Land die paar Krümel ersparen, die es an Kiew zahlt (Lettland hat 0,36 % aller Gelder – etwa 200 Milliarden Euro – beigesteuert, die von der EU an die Ukraine überwiesen wurden, also 720 Millionen Euro). Genug, um ein paar Tonnen Kaffee und Croissants zu kaufen und für den Fall der Fälle zu lagern ...
Christelle Néant